2008

Schweiz befreit Bioethanol von der Steuer

30. Juni 2008
In der Schweiz wird Bioethanol ab dem 01.07.2008 von der Minerölsteuer befreit und gleichzeitig das Importmonopol des Bundes für Bioethanol aufgehoben. Um bei diesen günstigen Rahmenbedingungen für den Biokraftstoff zu vermeiden, daß Importe aus Regionen stattfinden, wo Regenwälder oder Naturregionen zerstört werden, führt die Schweiz als erstes Land weltweit verbindliche ökologische und soziale Kriterien ein, die Bioethanol zu erfüllen hat, wenn er in den Genuß der neuen Regelungen gelangen will. Hierzu zählen u.a. eine eindeutige Rückverfolgbarkeit des Produktes auf Herstellungsort und -bedingungen, ein Gefährdungsausschluß von Regenwald und biologischer Vielfalt oder eine begrenzte Umweltbelastung durch das Produkt Bioethanol über den gesamten Entstehungs-, Produktions- und Verteilungsweg. Aktuell wird Bioethanol in der Schweiz aus landwirtschaftlichen und
forstwirtschaftlichen Abfällen gewonnen. Greenpeace geht davon aus, daß dies bei strikter Einhaltung der Kriterien auch weiterhin so bleiben werde und nur geringe Bioethanolmengen importiert werden könnten.

(Copyright: BOXER - Infodienst: Regenerative Energie)
 

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Wie Europa und die USA Brasiliens Kostenvorteil bekämpfen

27. Juni 2008
Angesichts der heute auf Brasiliens Ethanol niederprasselnden Kritik werden die in zahlreichen Studien gepriesenen Vorzüge in den Hintergrund gedrängt, sie sind aber im Auge zu behalten. Nirgendwo in der Welt kann derzeit ein Liter Bioethanol so günstig hergestellt werden wie in Brasilien.

Die Internationale Energieagentur (IEA) veranschlagt die Produktionskosten für jene Menge brasilianischen Ethanols, die der Antriebskraft eines Liters Benzin entspricht (Benzin-Äquivalent), auf rund $ 0.34. Mais-Ethanol aus den USA kommt auf etwa $ 0.43, das in Europa aus Zuckerrüben oder Weizen gewonnene Ethanol auf Beträge zwischen $ 0.63 und $ 0.90 bzw. auf Ansätze zwischen $ 0.53 und $ 0.93. Der Kostenvorteil Brasiliens beruht vor allem auf den für die Zuckerrohrpflanze sehr günstigen klimatischen Bedingungen und dem seit langer Zeit angehäuften Know-how.

Für 1 Dollar pro Liter an der Tankstelle

Nach Berechnungen der Unternehmensberatung McKinsey könnte brasilianisches Ethanol an Tankstellen in Westeuropa inklusive Transportkosten, Importzöllen, Steuern und Kosten für die Distribution für rund $ 0.73 je Liter angeboten werden. Ein Benzin-Äquivalent von einem Liter käme somit auf rund 1 $, was deutlich unter den derzeitigen Benzinpreisen an den Tankstellen in der Schweiz läge. Zudem zeigen verschiedene Studien, dass brasilianisches Ethanol die geringsten Treibhausgasemissionen verursacht.

Im Vergleich mit Benzin werden bei der Produktion und Verwendung von Zuckerrohr-Ethanol nach IEA-Berechnungen nahezu 100% weniger Treibhausgase freigesetzt. Zuckerrüben-Ethanol kommt auf eine Reduktion von 40% bis 60%, und die aus Mais hergestellten Treibstoffe auf eine Ermäßigung von 25% bis 40%. Die meisten Ethanol-Fabriken in Brasilien benötigen keine zusätzliche Energie für die Produktion: Sie erzeugen ihren eigenen Strom aus der Bagasse, den nach dem Entzug des Zuckersaftes zurückbleibenden faserigen Bestandteilen des Zuckerrohrs.

In Brasilien selbst hat sich der Ökosprit bereits durchgesetzt. Schon seit Jahren wird Ethanol mit einem Anteil von bis zu 25% dem Benzin beigemischt; eine Umrüstung der Fahrzeuge ist dazu nicht einmal notwendig. Vielen Verbrauchern ist es nicht einmal bewusst, dass Biotreibstoff zu ihrer Fortbewegung beiträgt. Zudem gewinnen seit ein paar Jahren «Flex-Fuel-Autos» Marktanteile. Rund 5 Mio. Fahrzeuge sind bereits im Verkehr. Diese Autos können mit Benzin oder mit Ethanol oder mit jeder beliebigen Mischung der beiden Treibstoffe betankt werden. Der Autohersteller Volkswagen war im Jahr 2003 Pionier im Anbieten dieser Technologie; heute haben alle Hersteller in Brasilien «Flex-Fuel-Autos» im Programm. Im ersten Quartal des laufenden Jahres waren bereits rund 90% aller verkauften Neuwagen solche «Allesschlucker». Bioethanol ist in Brasilien längst flächendeckend an den Tankstellen erhältlich.

Barrieren gegen «Auslandethanol»

Brasiliens Biosprit könnte also weltweit nicht nur Teil der Lösung für allfällige Klimaprobleme sein – sollten diese tatsächlich so gravierend und sollte die Reduktion von Treibhausgasen der geeignete Lösungsweg sein –, sondern auch das Problem der steigenden Lebensmittelpreise mildern helfen. Würden Länder wie die USA oder jene Europas etwa auf Bioethanol aus Brasilien zurückgreifen, flössen die bisher anderswo für die Herstellung von Biotreibstoffen verwendeten Getreidemengen wieder auf den Nahrungsmittelmarkt und könnten zu einer Entspannung der Preise beitragen. Doch sowohl die Europäische Union als auch die USA haben längst hohe Handelsbarrieren aufgebaut.

Brasilianisches Ethanol wird beim Importieren in die USA mit einem Zoll von $ 0.54 pro Gallone bzw. $ 0.15 pro Liter belegt. Die EU fordert umgerechnet $ 0.19 pro Liter. Zudem wird in den USA und in Europa die eigene Produktion von Agrarkraftstoffen von den Regierungen stark gefördert. Etwa 3,7 Mrd. € haben die Regierungen der EU-Länder im Jahr 2006 als Subventionen für Biotreibstoffe ausgegeben, schätzt die in Genf ansässige Global Subsidies Initiative (GSI) des International Institute for Sustainable Development

(IISD). Umgerechnet wird damit jeder in der EU produzierte Liter Bioethanol mit € 0.74 subventioniert. In der Schweiz, wo vorwiegend Biodiesel hergestellt wird, betrugen die staatlichen Subventionen 2006 rund 5,8 Mio.€ (rund 9 Mio. Fr.). In den USA hat der Staat die Ethanol-Produktion mit Summen zwischen 5,1 Mrd.$ und 6,8 Mrd.$ subventioniert.

Die so errichteten Handelsbarrieren haben zu der absurden Situation geführt, dass in den USA nun mehr Ethanol produziert wird als in Brasilien, und das, obwohl das Mais-Ethanol der USA viel teurer ist, eine viel schlechtere Umweltbilanz aufweist und in Ermangelung von Landreserven in direkter Konkurrenz mit dem Anbau von Mais als Nahrungsmittel steht. Angesichts der mächtigen Ethanol- bzw. Mais-Lobby in den USA und in der EU wirkt es mitunter heuchlerisch, wenn Brasiliens Ethanol aus umwelttechnischen oder sozialen Gründen in die Kritik gerät, zumal Brasiliens Zucker – der aus der gleichen Pflanze, nämlich Zuckerrohr, gewonnen wird wie Ethanol – von eben diesen Kritikern seit Jahrzehnten ohne diese Bedenken konsumiert wird. Denn auf der «Zuckerseite» funktionieren die internationalen Märkte: Brasilien ist mit einem Marktanteil von 60% der weltweit größte Zucker-Exporteur.

(Quelle: Neue Zürcher Zeitung)